„Nikodim Stawrev hatte ganz unerwartet diese Welt verlassen. Das Glück hatte den langen Umweg von Bulgarien über Jugoslawien und Ungarn nach Österreich gebraucht, um zu seinem Einwandererherzen zu finden. Der Tod dagegen, wählte einen kürzeren Weg. Er erschien kurz nach der Mittagspause bei der Baufirma Pokorny, sah sich die schlechten Arbeits- und Sicherheitsbedingungen an, suchte sich den lustigsten Arbeiter aus, kitzelte ihn am Kopf, bis dieser seinen Helm abnahm, um sich dort zu kratzen, ließ einen Kübel Mörtel vom Gerüst auf ihn herunterfallen und unterbrach sein Leben im 41sten Jahr. Nikodim hatte noch den Geschmack von Extrawurstsemmel im Mund, als er die Welt verließ, um die längste Mittagpause zu genießen, bevor er vor dem größten aller Baumeister erscheinen sollte.“

In einer Wohnung im sechzehnten Wiener Gemeindebezirk versammeln sich vier Männer, um die Totenwache für ihren verstorbenen Arbeitskollegen zu halten. Die vier stammen aus verschiedenen Ländern, sind unterschiedlicher Intelligenz, ungleichen Alters und ungleicher Ansichten, doch sie teilen dieselbe Lust am Leben und vor allem denselben Durst. Während eine professionelle Klagefrau sie in den traditionellen Ritualen unterweist, beginnen die Männer zu trinken. Denn so ein überflüssiger und unnötiger Tod vermag einen nicht nur sehr philosophisch, sondern auch sehr durstig zu stimmen. Und weil der Verstorbene zu Lebzeiten selbst gerne getrunken und gefeiert hat, holen sie die Leiche kurzerhand aus dem Sarg und setzen sie zu sich an den Tisch. Ein munteres Gelage beginnt, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass die Handhabung einer verstorbenen Seele eine heikle Sache ist und dass dem Menschen auf der Welt letztlich nur eine Bestimmung beschieden ist: „Irren. Was sonst?“

In seinem Stück „Eine heikle Sache, die Seele“ erzählt Dimitré Dinev die irrwitzig komische Geschichte einer fröhlichen Totenwache, über der Dionysos, der Gott des Weines und der Ekstase wacht und in deren Verlauf die Grenzen zwischen Leben und Tod schwinden.

„Man redete über das Leben und man wusste bald nicht mehr, was blöder war, das Leben oder der Tod. Man war sich uneinig. Der einzige, der es eigentlich wissen sollte, war der Tote. Man fragte ihn. Aber er antwortete nicht.“


Dimitré Dinev wurde 1968 in Plovdiv, der zweitgrößten Stadt Bulgariens geboren. Während seiner Schulzeit begann er mit dem Schreiben und konnte ab 1986 erste Texte in bulgarischer und russischer Sprache veröffentlichen. Ende der achtziger Jahre nahm er an den Protesten der Oppositionellen gegen das Regime von Todor Shivkov teil. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus verließ Dimitré Dinev im Winter 1990 Bulgarien. Durch eine Zufallsbekanntschaft mit serbischen Autoschmugglern gelangte er über die tschechische Grenze illegal nach Österreich, wo er zunächst im Flüchtlingslager Traiskirchen aufgenommen wurde. Wie viele seiner literarischen Helden hat er Wien von unten erobert: Ohne Aufenthaltserlaubnis finanzierte er sein Philosophiestudium mit verschiedenen Gelegenheitsjobs.

Seit 1992 verfasst Dinev Drehbücher, Theaterstücke, Rundfunkfeatures und Prosa in deutscher Sprache. Mit Engelszungen legte er 2003 seinen ersten Roman vor, der von Kritikern und Lesern gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde und für den er mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Dimitré Dinevs epische Erzählungen über Migration und Fremdheit wechseln zwischen Ironie und Pathos, Komik und Tragik. Mit Humor und einer bemerkenswerten Leichtigkeit berichtet er von den schwierigen Lebensumständen von Flüchtlingen, Asylsuchenden und illegalen Einwanderern, die den alltäglichen Widrigkeiten trotzig und verzweifelt entgegentreten. Dimitré Dinev lebt heute als freier Schriftsteller in Wien.

„Aus dem Keller der westlichen Gesellschaft zu blicken, bedeutet, diese Gesellschaft ganz nackt vor sich zu haben, mit all ihren Schwächen. Ich war schon immer neugierig, ich liebe die Herausforderungen, die Überschreitung von Grenzen. Das Heimatland und die Heimatstadt sind im Endeffekt nur eine geographische Definition des Geburtsortes. Überall wo wir Menschen treffen, die uns nahe stehen, besteht die Möglichkeit eine neue Heimat zu finden. Es stimmt, dass ich manche der Geschichten erlebt habe oder ihr Zeuge war, aber ein großer Teil davon sind erfunden. Es gibt manche echte Geschichten, die so absurd sind, dass ich gezwungen war, noch absurdere zu erfinden, damit man den echten Geschichten glauben kann. Das ist das Ungerechte an der Literatur: Die besten Stoffe liefern Länder, die Absurditäten in sich bergen.“ (Dimitré Dinev)


„Das stärkste Lebenszeichen der neueren österreichischen Erzählliteratur kommt aus Bulgarien.“ Robert Menasse, Die Presse, 7. Januar 2006

„Es lebe die Literatur der Migranten, weil sie uns Dichter wie Dimitré Dinev beschert. Selten hat man in den letzten Jahren Bücher gelesen, in denen in einer kurzen Erzählung, manchmal auf nur einer Seite, in solcher Dichte die farbigsten, kurvenreichsten Lebensläufe vorkommen. Der wahrscheinlich wichtigste und zugleich witzigste Botschafter des bulgarischen Humors.“ Tilmann Krause, Die Welt, 4. März 2005

„Man kann fast süchtig werden nach diesen unerhörten Alltagsgeschichten.“ Matthias Gretzschel, Hamburger Abendblatt, 16. Juli 2005

„Wer einmal in Dinevs Welt geraten ist, verlässt sie nur ungern wieder.“ Carmen Eller, Frankfurter Rundschau, 2. Juni 2005

„Da schüttet einer sein Füllhorn auf die darbende deutsche Kopf-Literatur.“ Daniela Strigl, Literaturen, 04/05

„Dinevs Erzählungen sind keineswegs deprimierende Sozialreportagen, sondern eine furiose Mischung von slawischer Seele und deutschem Wortwitz. Die Figuren stemmen sich trotzig und temperamentvoll gegen ihre erdrückenden Lebensumstände. Sie verfügen über den lakonischen, bitteren Humor der Unterprivilegierten, über die beinahe irre Heiterkeit von Verlorenen. Selten findet man menschliches Scheitern so zärtlich beschrieben wie bei diesem Autor.“ Carsten Hueck, Deutschlandradio, 15. April 2005

„Dimitré Dinev, der in Wien slawische Philologie studiert hat, ist gründlich bei den alten und neuen Russen in die Lehre gegangen, was seiner Literatur hervorragend bekommen ist. Seine Erniedrigten und Beleidigten scheinen, wie Dostojewskij einmal schrieb, allesamt von Gogols Mantel ‚herzukommen‘.“ Sabine Berking, FAZ, 9. Juli 2005


Theater 5 präsentiert


        
Deutsche Erstaufführung

Eine Produktion von „Hinz und Kunzt“

Es spielen: Eva Giesler, Thomas Koppelt, Christoph Leibold, Wolfgang Philipp und Andreas Porsch

Musik: Andreas Porsch

Premiere: 11. Juni 2010, 20 Uhr

Weitere Aufführungen: 16. Juni (20 Uhr), 20. Juni (20 Uhr), 24. Juni (20 Uhr), 27. Juni (20:30 Uhr)

In der Neuen Bühne Bruck, Veranstaltungsforum Fürstenfeld, Haus 11, 82256 Fürstenfeldbruck

Eintrittspreise: Euro 10,- / Schüler & Studenten: Euro 6,-

Abendkasse eine Stunde vor Vorstellungsbeginn, Telefon: 08141/18589

Kartenvorverkauf ab 1.6.2010:
Kartenservice Fürstenfeld, 08141/6665-444, vorverkauf@fuerstenfeld.de
Kartenservice Amper-Kurier im AEZ Buchenau, 08141/355440, tickets@amper-kurier.de


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